Wenn Unterforderung psychisch belastet & innere Leere am Arbeitsplatz entsteht

Arbeit wird häufig mit Stress, Zeitdruck und Überlastung verbunden. Doch auch das Gegenteil kann psychisch belastend sein: Wer sich über längere Zeit im Beruf gelangweilt, unterfordert oder sinnlos beschäftigt fühlt, kann in einen Zustand geraten, der als Boreout bezeichnet wird. Ein ruhiger Arbeitstag oder eine Phase mit wenigen Aufgaben bedeutet nicht, dass ein Boreout vorliegt. Entscheidend sind Dauer und subjektives Erleben. Wer beispielsweise über Wochen oder Monate kaum sinnvolle Aufgaben erhält, eigene Kompetenzen nicht einsetzen kann und gleichzeitig keine Veränderungsmöglichkeiten sieht, erlebt möglicherweise eine chronische Unterforderung.
Begriffsdefinition
Der Begriff Boreout ist eine Zusammensetzung aus den englischen Wörtern „boredom“ (Langeweile) und „burnout“ (Ausgebranntsein). Boreout kann aufgrund der Namensähnlichkeit mit Burnout verwechselt werden. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass Burnout häufig mit anhaltender Überlastung verbunden ist, während Boreout vor allem durch Unterforderung und fehlende Sinnhaftigkeit gekennzeichnet ist. Boreout ist kein eigenständiges psychisches Krankheitsbild im Sinne einer offiziellen Diagnose, es wird verwendet, um eine bestimmte berufliche Belastungssituation zu beschreiben.
Wenn Arbeit nicht herausfordert
Boreout beschreibt nicht einfach einen einzelnen ruhigen oder ereignisarmen Arbeitstag. Gemeint ist vielmehr ein länger anhaltendes Erleben von Unterforderung, Langeweile oder fehlender inhaltlicher Herausforderung im beruflichen Kontext. Betroffene erleben ihre Tätigkeit als wenig herausfordernd, langweilig, sinnlos oder monoton. Gleichzeitig kann der Eindruck entstehen, mit der eigenen Zeit und den eigenen Kompetenzen nichts anfangen zu können.
Mögliche Ursachen & Folgen
Arbeit kann neben dem Lebensunterhalt auch Möglichkeiten für Kompetenzentwicklung, Selbstwirksamkeit, soziale Einbindung, Selbstwertstabilisation- oder Erhöhung und persönliche Wirksamkeit bieten. Fehlen solche Erfahrungen über längere Zeit, kann dies Motivation und Arbeitsengagement beeinträchtigen und Gedanken wie „Ich könnte mehr, aber ich darf oder kann es hier nicht zeigen“ auftauchen. Die Zeit am Arbeitsplatz wird zunehmend als belastend erlebt und die eigene berufliche Identität kann ins Wanken geraten. Arbeit ist für viele Menschen mehr als eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Sie ist auch ein wichtiger Bestandteil der eigenen Identität.
Wir erleben uns über unsere Kompetenzen, unsere Leistungen und die Rückmeldungen anderer. Wenn diese Kompetenzen über längere Zeit nicht benötigt werden, kann das am Selbstbild rütteln. Aus „Meine Arbeit fordert mich nicht“ kann sich allmählich der Gedanke entwickeln: „Vielleicht kann ich eigentlich gar nicht so viel.“ Damit kann sich die ursprüngliche äußere Arbeitssituation zunehmend auf die eigene Selbstbewertung auswirken.
Wer sich dauerhaft langweilt, versucht möglicherweise, die Situation zu kompensieren. Manche Menschen beschäftigen sich intensiver mit privaten Dingen während der Arbeitszeit, andere erfinden zusätzliche Aufgaben oder versuchen, besonders beschäftigt zu wirken. Mit zunehmender Dauer kann bei manchen Menschen das Gefühl entstehen, der eigenen Arbeitssituation ausgeliefert zu sein oder nur wenig Einfluss auf ihre Veränderung zu haben.
Da Boreout keine eigenständige Diagnose ist, gibt es auch keinen allgemein anerkannten Symptomkatalog. Dennoch können anhaltende Unterforderung und Langeweile mit verschiedenen Belastungsreaktionen einhergehen. Im individuellen Erleben können beispielsweise folgende Erfahrungen auftreten:
- anhaltende Langeweile während der Arbeitszeit
- fehlende Motivation
- zunehmende innere Distanz zur Arbeit
- das Gefühl, beruflich auf der Stelle zu treten
- Konzentrationsprobleme
- Gereiztheit oder Frustration
- Müdigkeit oder Erschöpfungsgefühle trotz geringer äußerer Arbeitsbelastung
- häufiges Aufschieben von Aufgaben
- das Gefühl, die eigene Zeit zu verschwenden
- sinkendes Selbstwertgefühl
- Grübeln über die berufliche Situation
- emotionale Erschöpfung
Ein einzelnes dieser Symptome bedeutet selbstverständlich nicht automatisch Boreout. Auch andere psychische oder körperliche Ursachen können ähnliche Beschwerden hervorrufen. Nicht jede berufliche Unzufriedenheit ist ein Boreout.
Scham & gesellschaftliche Erwartungen
Manche Menschen sprechen nicht offen über ihre Unterforderung. Während hohe Arbeitsbelastung häufig leichter als Belastung kommuniziert werden kann, kann Unterforderung mit Scham, Schuldgefühlen oder der Sorge verbunden sein, gesellschaftlich als faul oder undankbar wahrgenommen zu werden. Gedanken wie „Eigentlich müsste ich froh sein, so wenig zu tun zu haben“ können dazu führen, dass die eigene Belastung bagatellisiert wird und Scham entsteht.
Mögliche Wege aus dem Boreout
Wer bei der Arbeit dauerhaft unterfordert ist, sollte die eigene Belastung ernst nehmen. Auch wenn wenig Arbeit zunächst angenehm klingt, kann es auf Dauer frustrierend sein, die eigenen Fähigkeiten kaum einsetzen zu können. Ein Arbeitsplatz mit wenig äußerem Stress kann psychisch belastend werden, wenn Möglichkeiten für Kompetenzentwicklung, Selbstwirksamkeit, sinnvolle Aufgaben oder soziale Anerkennung dauerhaft fehlen.
Hilfreich kann es sein, die eigene Situation konkret zu analysieren: Welche Aufgaben fehlen mir? Welche Fähigkeiten kann ich nicht einsetzen? Was würde mich fachlich oder persönlich stärker fordern? Welche Veränderungen sind an meinem Arbeitsplatz möglich?
Ein offenes Gespräch mit Vorgesetzten kann ein wichtiger Schritt sein. Denkbar sind beispielsweise anspruchsvollere Aufgaben, zusätzliche Verantwortungsbereiche, Weiterbildungen oder die Mitarbeit an neuen Projekten. Wenn die Situation nicht veränderbar ist, können auch eine berufliche Neuorientierung oder ein Arbeitsplatzwechsel sinnvoll sein.
Wenn aus der beruflichen Unterforderung eine anhaltende psychische Belastung wird, sollte man sie nicht ignorieren. Insbesondere bei ausgeprägter Erschöpfung, anhaltender Niedergeschlagenheit, Schlafproblemen, Angst oder einem deutlichen Verlust an Lebensfreude kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein.
Fazit
Psychisches Wohlsein am Arbeitsplatz bedeutet nicht ausschließlich, Überlastung zu vermeiden - auch dauerhafte Unterforderung kann problematisch werden. Das Phänomen Boreout macht sichtbar, wie bedeutsam angemessene Herausforderungen, Selbstwirksamkeit, soziale Anerkennung und das Erleben von Sinn für die Gestaltung des individuellen beruflichen Alltags sein können. Schließlich geht es auch in diesem Lebensbereich um die individuell richtige Balance zwischen Über- und Unterforderung. Es ist wichtig, ein gesundes Gleichgewicht zwischen den Anforderungen der Arbeit und den eigenen Fähigkeiten zu finden.
Hinweis
Dieser Beitrag möchte informieren und zur persönlichen Reflexion anregen - er dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle psychotherapeutische, ärztliche oder psychiatrische Beratung. Bei anhaltenden oder stark belastenden psychischen Beschwerden ist professionelle Unterstützung sinnvoll.
Literatur
DAK-Gesundheit. (o. J.). Boreout: Erkennen und vorbeugen. https://www.dak.de/dak/gesundheit/psychische-gesundheit/psychische-erkrankungen/boreout_134580
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Richter, G. (2000). Psychische Belastung und Beanspruchung: Stress, psychische Ermüdung, Monotonie, psychische Sättigung. 3., überarbeitete Auflage. Bremerhaven: Wirtschaftsverlag NW.
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