Wenn die Suche nach Liebe zum Krafträuber wird

Dating soll gewöhnlich Nähe schaffen, Freude und Begegnung ermöglichen. Für viele Menschen kann sich die Suche nach einer Beziehung jedoch irgendwann gegenteilig anfühlen: anstrengend, frustrierend, erschöpfend und emotional belastend.
Für dieses Erleben wird umgangssprachlich beispielsweise der Begriff „Datingmüdigkeit“ verwendet. Dabei handelt es sich keineswegs um eine eigenständige Diagnose, sondern um eine Bezeichnung für eine zunehmende emotionale Belastung im Zusammenhang mit Dating.
Mögliche Hintergründe
Ob online oder im realen Leben: Datingmüdigkeit kann schleichend entstehen und unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Beispielsweise können durch Enttäuschungen, Unsicherheit, Vergleiche mit anderen, unausgewogenem Engagement und die investierte emotionale Energie, die das Kennenlernen neuer Menschen erfordert Datingmüdigkeit entstehen lassen.
Dating erfordert nicht nur Zeit, sondern auch emotionale Offenheit. Wer neue Menschen kennenlernt, lässt sich auf unbekannte Situationen ein, zeigt Interesse, teilt persönliche Gedanken und entwickelt möglicherweise Erwartungen. Gleichzeitig bleibt häufig unklar, ob das Interesse erwidert wird und wohin sich ein Kontakt entwickelt. Diese wiederkehrende Unsicherheit kann auf Dauer anstrengend sein.
Auch erfolglose Dates oder Kontakte ohne ernsthaftes Beziehungsinteresse können emotional anstrengend sein. Selbstzweifel oder die Angst zurückgewiesen zu werden können ebenfalls ermüdend wirken.
Soziale Vergleiche können die Datingmüdigkeit verstärken. Wer den Eindruck gewinnt, dass andere Menschen mühelos neue Kontakte knüpfen oder schnell den Menschen fürs Leben finden, kann beginnen, die eigenen Erfahrungen kritisch zu bewerten.
Kräftezehrend können wiederholte Erfahrungen mit Ghosting sein. Freedman und Powell (2024) Dabei bricht eine Person den Kontakt ohne Erklärung ab. Auch in der Forschung wird Ghosting als eine Form der Beziehungsbeendigung ohne eindeutige Kommunikation beschrieben. (Kay & Courtice, 2022) Weil eine eindeutige Begründung fehlt, bleibt häufig Raum für Interpretationen und offene Fragen wie: Was habe ich falsch gemacht? War ich nicht interessant genug? Hätte ich etwas anders machen sollen?
Chancen des Online-Datings
Dating-Apps ermöglichen Kontakte zu Menschen, denen man im eigenen Alltag möglicherweise nie begegnen würde. Gerade für Menschen mit einem eingeschränkten sozialen Umfeld oder wenigen Gelegenheiten, neue Personen kennenzulernen, kann das eine große Chance sein.
Zudem lassen sich über Dating-Apps bereits vor dem ersten persönlichen Kontakt Informationen über Interessen, Hobbys und Lebensvorstellungen austauschen. Das kann den Gesprächseinstieg für manche erleichtern und Sicherheit vermitteln.
Zwischen Auswahl & Entscheidungsdruck
Gleichzeitig bringt die digitale Partnersuche neue Herausforderungen mit sich. Das ständige Bewerten von Profilen kann einen regelrechten Entscheidungsdruck erzeugen. Die angebotene Vielfalt und Auswahl kann den Eindruck erwecken, dass es ein besseres Gegenüber unter neuen Vorschlägen gibt.
Noch dazu kann das Gefühl entstehen, ständig erreichbar und aktiv sein zu müssen um im Datingprozess erfolgreich zu sein.
Menschen werden innerhalb weniger Sekunden anhand von Fotos und wenigen Informationen beurteilt. Bleiben Matches aus oder verlaufen Gespräche im Sande, kann dies dazu führen, dass die eigene Attraktivität oder Beziehungstauglichkeit infrage gestellt wird.
Auf der Suche nach Bestätigung
Matches, Nachrichten und Komplimente können kurzfristig das Gefühl vermitteln, interessant und attraktiv zu sein. Besonders nach enttäuschenden Erfahrungen kann diese Aufmerksamkeit wohltuend wirken.
Die App wird dann möglicherweise zunehmend zu einer Quelle äußerer Bestätigung. Im Hintergrund kann dann die Frage stehen: „Bin ich begehrenswert?“ Eine hilfreiche Frage kann deshalb sein: Öffne ich die App, weil ich wirklich jemanden kennenlernen möchte – oder weil ich wissen möchte, ob mich jemand ausgewählt hat?
Wenn Rückzug dem Selbstschutz dient
Mit der Zeit kann der Wunsch entstehen, sich emotional zu schützen und vorerst keine neuen Kontakte mehr einzugehen oder online anzunehmen. Eine bewusste Dating-Pause kann sinnvoll sein, wenn Dating dauerhaft mehr Energie kostet, als es zurückgibt.
Eine Dating-Pause bedeutet dabei nicht zwangsläufig, die Suche aufzugeben. Vielmehr kann sie dazu beitragen, wieder mit mehr Gelassenheit und emotionaler Offenheit auf neue Begegnungen zuzugehen.
Problematisch wird es eher dann, wenn aus vorübergehender Erschöpfung die Überzeugung entsteht, dass Beziehungen grundsätzlich nicht funktionieren oder man selbst nicht für eine Partnerschaft geeignet sei.
Nicht immer ist unmittelbar erkennbar, wann die Partnersuche von einer bereichernden Erfahrung zu einer emotionalen Belastung wird. Ein Hinweis kann sein, wenn Dating zunehmend mit negativen Gefühlen verbunden ist und die Freude am Kennenlernen verloren geht. Vielleicht werden Nachrichten zwanghaft überprüft, ausbleibende Antworten beschäftigen einen übermäßig oder das eigene Selbstwertgefühl hängt zunehmend davon ab, ob andere Interesse zeigen.
Auch wenn Dating immer mehr Raum im Alltag einnimmt und andere Lebensbereiche in den Hintergrund geraten, kann es sinnvoll sein, die eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen. Entscheidend ist dabei nicht, wie häufig jemand datet, sondern wie sich die Suche auf das persönliche Wohlbefinden auswirkt.
Wege zu einem entspannteren Umgang mit Online-Dating
Wer sich vom Dating erschöpft fühlt, muss nicht zwangsläufig weitermachen. Es gibt keine Verpflichtung, permanent auf der Suche zu sein. Hilfreich kann es sein, Dating-Apps zeitweise zu pausieren, den eigenen Alltag wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken und soziale Kontakte außerhalb der digitalen Welt zu pflegen. Auch Hobbys, Bewegung und Zeit mit Freunden können dabei helfen, den Blick wieder auf andere Lebensbereiche zu richten.
Hilfreich kann es sein, persönliche Grenzen festzulegen und bewusst zu entscheiden, wie viel Zeit man beispielsweise auf Dating-Apps verbringen möchte.
Auch die Gegenseitigkeit spielt eine wichtige Rolle: Muss ich ständig Gespräche initiieren und den Kontakt aufrechterhalten, oder zeigt auch die andere Person Interesse und Engagement?
Darüber hinaus lohnt es sich, die eigenen Erwartungen zu überprüfen: Nicht jedes Date muss zu einer Beziehung führen, und nicht jedes interessante Match muss zwangsläufig zu einem Treffen werden.
Sinnvoll kann es ebenfalls sein die eigenen Erwartungen frühzeitig zu kommunizieren - was genau gesucht wird (offene/feste Beziehung, unverbindliche Begegnungen, etc.).
Auch negative Erfahrungen sollten nicht automatisch persönlich genommen werden. Ghosting, fehlendes Interesse oder unterschiedliche Beziehungsvorstellungen sagen nichts über den eigenen Wert aus.
Fazit
Ein gesünderer Umgang mit Dating kann genau dort beginnen, wo man aufhört, sich unter Druck zu setzen und auf die eigenen Ressourcen achtet. Denn Dating ob online oder real sollte kein permanentes Projekt sein, bei dem man das Gefühl hat, sich ständig optimieren oder beweisen zu müssen, um endlich den richtigen Menschen zu finden. Dating darf auch leicht sein, Raum für Pausen lassen und die Möglichkeit bieten, eigene Bedürfnisse und Erwartungen besser kennenzulernen.
Hinweis
Dieser Artikel möchte informieren und zur persönlichen Reflexion anregen. Er ersetzt jedoch keine individuelle psychotherapeutische oder sexualtherapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Bei anhaltenden oder stark belastenden psychischen Beschwerden ist professionelle Unterstützung sinnvoll.
Literatur
Kay, C. & Courtice, E. L. (2022). An empirical, accessible definition of „ghosting“ as a relationship dissolution method. Personal Relationships, 29(2), 386–411. https://doi.org/10.1111/pere.12423
Freedman, G. & Powell, D. N. (2024). Ghosting: A Common but Unpopular Rejection Strategy. Social and Personality Psychology Compass, 18(12), e70026. https://doi.org/10.1111/spc3.70026